Vom Kampf ins Leben

Es war einmal ein König in einem nicht allzu fernen Königreich. Er war beliebt und besonders bekannt für seine Art mit Frauen zu leben. Denn jede seiner Frauen – und er hatte nicht nur eine Frau – hatte ein eigenes Schloss im Schloss. Er vertrat gegenüber den Bewohnern seines Reiches offen die Ansicht, dass es mit den Frauen nur funktioniert, wenn sie ihren Freiraum haben. „Man kann Frauen nicht einsperren oder gar in einem einzigen Schloss mit ihnen verkehren. Nein, das sei eine Zumutung für die Frauen.“ Er gab vor, dass es ihm selbst ja darum nicht ginge, seinen Freiraum zu haben. Er selbst wäre ja völlig unkompliziert. Dass er sieben Schlösser in seinem Schloss hatte, war deshalb nichts Erstaunliches für ihn. Es irritierte nur so manchen Bewohner der umliegenden Dörfer. Da er aber ein gutherziger König war, sagten sie dazu einfach nichts.

Die Frauen um den König liebten ihren König. Sie lebten gerne mit ihm, als eine Königin mit eigenem Reich. Dankbar für diese Freiheiten, nutzten sie den eigenen Raum auch gerne für sich selbst. Eine der Königinnen ging ihrer Liebe des Klavier- und Orgelspiels nach, eine andere ihrer Liebe zur Lyrik. Sie schrieb wunderbare Gedichte und Geschichten, die den König und viele in seinem Reich sehr erfreuten. Wieder eine andere lebte vor allem für die Tiere. Sie war tagelang im Wald und sprach mit dem Wild, den Füchsen und Mäusen. Wundersame Geschichten der Tiere brachte sie aus dem Wald und erfreute besonders die Kinder des Königs damit. Oft machte sich der König Sorgen, dass seiner Königin etwas passieren könnte, aber sie kam immer wieder gesund und stark von ihren Ausflügen zurück. Bekannt war im ganzen Königreich vor allem die Königin, die eine so wundersame und unvergleichliche Stimme hatte. Ihre lieblichen Töne hüllten die Menschen wie in Seide. Die Menschen lauschten ihr und fühlten als ob ihre Schmerzen, das Leid und die Anstrengungen des Tages abfielen. Wunderschön und offenbarend waren ihre Texte und die Melodien, die selbst komponierte.
Eine Königin widmete sich all den Kindern des Königs und das waren nicht gerade wenig. Sie unterrichte die Kinder, lehrte auch Dinge, die der König besser nicht zu Ohren bekam. Wie die Erde beschaffen sei, was die Natur lehrt, wie Menschen gut für sich sorgen können – all das waren Themen, für die es in dieser Zeit nur eine geltende Meinung gab und diese teilte die Königin in der Regel nicht. Der König war ein viel zu beschäftigter Mann als sich um den Unterricht seiner Sprösslinge zu kümmern. Es kam vor, dass er Wochen und Monate nicht in seinem Schloss war und die Königinnen das Regiment führten. Und damit tat sich eine Königin besonders schwer. Sie hatte keine rechten Interessen, keine Liebe zu etwas außer, wie sie meinte, die Einzige zu sein, die den König tatsächlich liebte. Sie litt, wenn der König ausritt, um irgendwann, für sie viel zu spät, wieder zu kommen. Sie fing an Befehle zu erteilen, was alles im Schloss gesäubert und gefegt werden musste. Sie scheute ebenso wenig davor zurück in die Schlösser der anderen Königinnen zu gehen, um dort Befehle zu erteilen. Denn auch dort sollte Recht und Ordnung herrschen. Sie mischte sich in das Leben der Königinnen, wie es sonst keine andere je wagte. Man kann sich gut vorstellen, wie es sich zu diesen Zeiten anfühlte im Schloss zu leben. Die Freude welkte dahin, das Lachen wurde rarer und die Kinder spielten nur mehr, wenn die Königin, die sich als wahre Königin des Königs sah, ausritt. Denn manchmal zog sie mit großer Gefolgschaft in das Nachbar-Königreich, um dort das Leben auf ihrem Schloss mit den vielen Schlössern zu beschreiben. Sie machte alles madig, erzählte Unwahrheiten. Als einzige König wollte sie gesehen werden, nicht eine von vielen sein, die zu nichts nutze seien. Das brachte den Nachbarkönig auf die Idee, das Königreich in Abwesenheit des Königs zu stürmen. Doch davon wusste die König-Königin nichts. Sie erzählte es aus ihrer Sicht nur ihrer liebsten Freundin. Dass diese dienstbeflissen alles ihrem König erzählte, ahnte sie nicht und noch weniger, was der Mann ihrer Freundin plante.

Und so kam es, dass in einer erneuten Abwesenheit des Königs – er war mit seinen Truppen im letzten Winkel seines Königreichs, die Truppen des Nachbarkönigs mit ihrem König an der Spitze das große Schloss stürmten. Die Soldaten töteten jeden, der ihnen vor die Lanze kam. Jeder Widerstand war aufgrund der Übermacht zwecklos. Des Königs Frauen, die Kinder – alle wurden Opfer des Einmarschs. Nur eine lebte und wurde vom einmarschierenden König hochgelobt – die König-Königin. So stand sie in all den Trümmern, zwischen all den Leichen und wünschte sich nichts mehr als selbst tot zu sein. Sie war es, die sich für all das, was sie vor ihren Augen sah, verantwortlich fühlte. Sie war es, die diesen Einmarsch ermöglicht hat und sie war es auch, dass die Kinder des Königs, auch ihre eigenen jetzt tot waren. Nur wenige Bedienstete lebten noch und machten sich sofort daran, die Trümmer aufzuräumen. Der Nachbarkönig zog stolz und erhobenen Hauptes wieder ab. Er brauchte keinen Brand mehr zu legen, denn nun brannte es innerlich in den wenigen Seelen, die noch lebten.

Es dauerte nicht lange, da kamen alle Bewohner aus den umliegenden Dörfern um den König beizustehen. Auch er, der König traf eine Woche später in seinem Schloss ein. Als er sah, was geschehen war und seine letzte Königin um Vergebung flehte, stieg er von seinem Pferd und stellte sich aufrecht vor diese Frau. Er sagte: „Ich kann dir vielleicht vergeben, aber dir selbst wirst du lange nicht vergeben können. Und jetzt bitte ich dich mein Reich zu verlassen. Geh zu dem König, dem du gedient hast und betritt nicht mehr mein Reich.“ Die Königin in Erwartung einer weitaus größeren Strafe wandte sich vom König ab und ging eilfertig von dannen. Sie trug eine große Last, die schon bei diesem kurzen Stück Weg ihren Rücken krümmte. Der König ging in seine Gemächer, schloss sich ein und weinte dort viele Tage und Nächte. Er brauchte Jahre, nicht nur um sein Schloss wieder zu renovieren, sondern um innerlich den Tod von so vielen geliebten Menschen zu ertragen. Die Renovierung der einzelnen Schlösser im Schloss war längst abgeschlossen, der Schmerz in seinem Inneren schien kaum zu heilen. Er wusste schon damals, dass kein einzelnes Leben dafür reichen würde, um diese Trauer, diesen unermesslichen Schmerz zu verarbeiten. Und so war es.
Viele Leben ging der König, der nie mehr ein König sein wollte durch die Leben, in denen er sich abwechselnd selbst bestrafte, andere bestrafte um letztendlich wieder sich selbst zu bestrafen. Mit jedem Leben mehr erkannte er seine Schleife, durchblickte seine Art zu leiden und wieder neues Leid zu stiften. Er sah wie sehr er seinen eigenen Schmerz in die Welt trug und sein Leid wie Müllberge zurückließ, wenn er starb. Wieder und wieder kämpfte er und litt durch die Leben, als Frau, wieder als Mann. Er kämpfte in jedem Leben – in jedem Geschlecht, das er wählte.

Irgendwann, nach vielen ungelebten Leben und Unmengen ungelebter Liebe wurde er ruhiger. Er merkte wie müde er geworden war, wie sehr ihm all seine Leben Kraft raubten. In seiner inneren Stille begegnete er dem Schmerz, dem Leid und seiner Traurigkeit, die ihm unendlich schien. In dieser Stille war all das wie egal. Es spürte hier nicht einmal das Gefühl der menschlichen Liebe, die ihm so vertraut schien. Auch das war wie neutral in diesem eigenen inneren Raum, der unendlich groß und vertraut war.
Mit jedem Leben wurde er stiller und damit klarer. In seinem inneren Raum war es einfach nur still. Und all die mühevollen, ungelebten und lieblosen Leben, die hinter ihm lagen, schienen wie ein Nebel, dem er nach und nach entstieg. In der Stille gab es keine Schlösser im Schloss, er fühlte sich unendlich frei. Immer wieder fühlte er diese Freiheit in der Stille bis er eines Tages zur Stille wurde und es nichts mehr sonst gab, außer ihr. Er fühlte die bedingungslose und unendliche Liebe aller Menschen – die Liebe, mit der alles anfing und mit der es wieder endet.

 

 

 

Foto: Meike Schnelting