Die (Ohn-)Macht der Gedanken

Ich denke über das Wetter nach, die Menschen, die Tiere, meine Arbeit, meine Familie – nichts von all dem, scheint mir an manchen Tagen wichtiger als das andere. Und was meine Gedanken betrifft, sind sie diesbezüglich auch recht wahllos. Sie geben einander die Hand – ohne die kleinste Pause, wenn mich etwas aufregt und sie entspannen sich, wenn mich jemand lobt. Ach, wie schön, ein bißchen Ruhe da oben im Kopf.
Kennen Sie das? Und haben Sie manchmal genug von der Beliebigkeit dessen, woran sich die eigenen Gedanken hängen? Es ist wie keinen Einfluss auf die eigene Gedankenwelt zu haben. Es fühlt sich an wie: Ich werde gedacht! Statt: Ich denke.

 

Maria und noch einer …
Maria ist keine Heilige, sie ist höflich, hilfsbereit und freundlich. Es handelt sich tatsächlich nicht um die biblische Mutter Maria, sondern einfach nur um eine Maria unter den vielen anderen Marias auf dieser Welt. Maria hatte eine Kindheit – ohne Kommentar – sie ist erwachsen geworden und hat irgendwann entdeckt, dass sie sich nicht viel verändert hat. Ihre Gedanken sind immer noch die alten, die sich festklammern, wenn jemand nicht nett ist, sich aufbäumen, wenn Unrecht geschieht oder einfach nur meckern, wenn irgendwas nicht so läuft, wie es sein sollte. Maria wunderte sich durchaus ab und wann, fragte sich selbst, warum ihre Gedanken tendenziell eher negativ waren.  Kurz entschlossen machte sie einen Kurs in positiv Denken und schwupp, Maria konnte jetzt auch gute Gedanken denken. Was Maria so gar nicht mochte, war Fühlen. Sie konnte es nicht ertragen ihre Traurigkeit zu fühlen, ihren Schmerz, ihren Hass, ihre Ablehnung gegenüber alles und jedem, was und wer ihr zu nahekam. Sie sprach gerne von sich, als einen sehr sachlichen Menschen. Sie denkt lieber über Dinge nach als mit dusseligen Gefühlen zu hantieren – sie nannte die Sachlichkeit ihre innere Orientierung. Bis eines Tages Josef auftauchte – auch nicht der Vater von Jesus, sondern ein Josef unter den vielen Josefs auf der Erde. Josef war ein wahrlich mitfühlender Mensch, er spielt aber keine Rolle in dieser Geschichte – nur sein Name ist essentiell. Er lernte Maria auf einem Geburtstagsfest kurz kennen. Maria war schon vom Alkohol etwas beflügelt, als er etwas verspätet beim Fest ankam. Maria begrüßte ihn mit einer Umarmung, ohne ihn jemals vorher gesehen zu haben. Josef lächelte zwangsläufig, weil so oft erlebt er nicht, von einer hübschen Frau umarmt zu werden. Er stellte sich bei ihr, als sie ihn wieder losließ, mit seinem Namen vor. Maria staunte nicht schlecht als er seinen Namen sagte und dieser Name wie einen Blitz in ihr Innerstes fuhr. Sie ging hektisch zur Toilette, um sich zu erholen. Weil einen Josef, nein … das ging gar nicht – sie mit ihrem Namen und mit ihrer ausgeprägten Abneigung gegenüber Religionen. Sie wollte definitiv das Fest durch die Hintertür verlassen. „Warum bloß habe ich „den“ umarmt und nicht einen Peter, Hans oder sonst einen? Selbst ein Detlef wäre ja noch was. Aber ein Josef – nein, geht gar nicht.“

Ihre Gedanken jagten, ihr Herz pochte, ihre Gefühle erzeugten Schwindel – Maria fühlte sich vollkommen im Eimer. Sie verstand auch nicht, warum ihre religiöse Abneigung jetzt so ein Theater in ihr verursachte. Nur wegen eines Josefs – irgendwas stimmte ganz und gar nicht in ihr. Also nichts wie weg. Sie versuchte – sitzend auf der Toilette – sich den Fest-Raum genau vorzustellen. Wo waren die Ein- und Ausgänge – sie konnte sich einfach nicht erinnern. Irgendwas in ihr war verzweifelt und sie fühlte sich absolut hilflos. All ihr Bemühen sich gedanklich bewusst zu machen, dass sie sich auf einem Geburtstagsfest befand und einfach nur durch Zufall einen Josef umarmt hat – es gelang ihr nicht, sich auf die Realität einzustellen. Wo war das Problem, wenn dieser Mann ebenso biblischen Namen trug, wie sie. Sie verstand sich nicht mehr. Sie versuchte sich auch hart zu ermahnen, diesen Unsinn zu lassen. Doch was sie auch dachte, sie ging gedanklich komplett ins Drama und noch schlimmer aus ihrer Sicht – die Gefühle hatten darin die Führung übernommen. Maria überkam eine Übelkeit, ein Schwindel. Sie hielt sich an den Toilettenwänden fest und versuchte klar zu denken. Immer und immer wieder überkam sie eine unglaubliche Verwirrung im Kopf.

Gefühlt dauerte es Stunden für Maria, bis sie sich von der Toilette erheben konnte. Sie wusch sich die Hände, sah noch immer etwas benommen in den Spiegel und ging raus zu all den anderen. Sie blickte sich im Raum um, sah zur Eingangstür, nahm ihren Mantel und verließ das Fest.

Noch Wochen später erfuhr sie sich selbst immer wieder in dieser Verwirrung und in einem Gefühlschaos. Es fiel ihr schwer, jemand anderen um Hilfe zu bitten. So entschied sie eines morgens still zu sitzen und Gedanken und Gefühle in ihr zu beobachten. Dies machte sie über Monate hinweg – täglich morgens dreißig Minuten. Etwas begann sich durch diese Zuwendung zu sich selbst zu klären. Gedanken und Gefühle sind nicht alles, was mich ausmacht – eine zentrale Erkenntnis für Maria. Sie übte es, ihre Gedanken und Gefühle zu verändern und war erstaunt über die Wirkung.

Für Maria begann ein neuer Weg, sie sagte später … der Weg ins Leben. Sie kann sich bis heute nicht daran erinnern, ob es diesen Josef auf dem Fest gab oder ob sie sich alles wirklich nur eingebildet hat. Irgendwann war es ihr auch egal. De facto war es genau der Abend, der sie in ihren Glaubenssätzen, in ihrer Rigidität so erschütterte, dass es einfach anders werden musste. Und so geschah es eben dann auch.

Maria gelang es – wie sie es nannte – ihre Wahrheit zu finden. Ihre Gedanken und Gefühle sind für sie wie eine Kleidung, die sie auch ablegen kann. Ihre eigene innere Wahrheit ist weitaus größer und genau daran orientiert sie sich bis heute. Und Gefühle und Gedanken spielen dabei eine Rolle – sie machen Erfahrungen im Leben so prickelnd. Die Schönheit liegt dennoch in der eigenen Wahrheit und in der eigenen Vollkommenheit.

 

 

privates Bild Berta Schreckeneder