Die Begriffevertauscherin

Die Lieblingsbeschäftigung einer jungen Naturliebhaberin war tatsächlich nichts anderes als in der Natur zu sitzen und sich dem Genuß der Farben im Wald, am See oder manchmal im Großstadtpark hinzugeben. Ja, sie konnte auch besonders gut riechen und zuhören. Viele Menschen gingen täglich an ihr vorbei. Sie kannten sie und manche von ihnen setzen sich zu ihr auf die Bank. Sie fragten sie, was sie macht, wer sie ist, was sie erlebt. Doch nach wenigen Minuten erzählten die Menschen ihre eigenen Geschichten. Oftmals waren es traurige, schmerzhafte und angsterfüllte Geschichten. Manchmal wurden ihr Geschichten von den Kindern, Enkeln und Partnern erzählt. Das waren schöne Erfahrungen und wärmten den Erzähler wohl am meisten.

Von einigen, die sie kannten, wurde sie schlicht der „Begriffevertauscherin“ genannt. Egal, was man ihr erzählte, so wie sie etwas wiedergab, machte alles plötzlich einen Sinn oder einen Unterschied zu dem, was man bisher darüber dachte. Dabei ersetze sie in der genauen Wiederholung der Geschichte nur einige wenige Begriffe, wie beispielsweise:

  • Klagte man sein Leid, sprach sie u.a. von Genuss, von Spaß, von Übermaß.
  • Erzählte man von Schuld und schlechtem Gewissen, war es für sie die Verantwortung, Einsicht und Konsequenz.
  • Harte Arbeit nannte sie ein Spiel.
  • Verlust brachte sie bspw. mit Erleichterung und Freude in Verbindung.
  • Berichtete man von Abhängigkeit,  ersetze sie es mit dem Wort der Freiheit.

Was auch immer man ihr erzählen mochte, sie warf ein Licht auf die Geschichte, dessen Präzision jeden geschulten Therapeuten oder Psychologen übertraf. Und bei keinem war es die gleiche Antwort, der gleiche Austausch von zentralen Begriffen.

Gleich war allerdings bei allen, die ihr von den eigenen Erfahrungen, Lebenseinsichten erzählten: Sie zogen alle nachdenklich – meist ohne Dank – ihres Weges. Tage, Wochen, Monate oder Jahre später wurde vielen erst verständlich, was die junge Naturliebhaberin meinte. Erst dann konnten sie verstehen, dass sie Begriffe durch das schlichte Vertauschen von einzelnen Wörtern, einem völlig neue Einsichten verschaffte.

Wer sich bei ihr bedanken wollte, dem sagte sie ohne Umschweife: „Danke nicht  mir. Ich habe damit nichts zu tun.“ Und jede Widerrede war damit auch erledigt. Man konnte sich nur selbst für die eigenen Einsichten danken, die die junge Frau auf der Parkbank angeregt hatte.

 

Bildrechte Fotolia: 143348662 – Tannen im Wald
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