Der alte Mann

Es war einmal ein alter Mann, er hatte das Leben so satt, war geplagt von einer Krankheit, die ihn weder sterben noch leben ließ. Er war wie in einer Zwischenwelt, gefangen in einem alten, welken Körper.

Eines Tages sprach er zu Gott: „Lieber Gott, ich lebe nun schon lange dieses Leben und mit Demut trage ich die Bürden meines Lebens. Ich bitte dich heute aus vollem Herzen, lass mein Leben enden.“ Gott sprach sogleich zu ihm: „Geliebter Sohn, ich trage dich nun schon seit vielen, vielen Jahren auf meinen Schultern und kein Tag vergeht, an dem ich dich nicht gerne absetzen würde, aber du machst mir das nicht leicht.“ Der alte Mann fragte: „Oh Herr, verzeih mir. Nie war mir klar, dass ich Dir eine Last bin, nie hätte ich gedacht, dass ich überhaupt jemanden zur Last falle. Ich lebe doch alleine, wollte nie jemanden zur Last fallen und jetzt, oh geliebter Herr, erfahre ich, dass ich auf deinen Schulter sitze und eine Last bin.“ Gott: „Mein Sohn, es ist nicht die Last, die ich zu tragen habe, es ist die Last, die du zu tragen hast. Denn du bist so göttlich, wie ich Gott bin. Vielleicht magst du es jetzt verstehen, dass alles was du dir antust, du mir antust. Alles, was du dir nimmst, du mir nimmst. Es ist nicht anders, als ich das jetzt zu dir sage.“ Der Alte erwidert: „Vater willst du mir jetzt sagen, dass ich jetzt Schuld bin an diesem miserablen Leben, in dem ich nur gelitten habe, in dem ich nichts anderes erfahren habe als Leid. Bin ich jetzt der, der all das verbrochen hat?“. In einer milden Stimme meinte Gott: „Ja, so ist es. Der Verbrecher, der Schuldige ist immer einer, der GLAUBT, genau das zu sein. Derjenige, der in seinem Herzen die Unschuld fühlt, den Frieden fühlt, ist unabhängig davon, ob das Leben schwierig, schmerzhaft oder traurig ist, ob das Leben gefüllt mit Freude und Liebe ist. Derjenige, der annimmt, was da ist, ist frei von jeglicher Last, von jeglicher Verzweiflung. Es ist derjenige, der in seinem Herzen mich liebt, wie er sich selbst liebt.“

Der alte Mann konterte: „Es ärgert mich, dass du mir jetzt all das erzählst und ich mir wie ein Dummkopf vorkomme. Warum hast du nie mit mir gesprochen, mir geholfen auf all das anders zu blicken? Warum sitzt du nur da oben und wartest, bis wir dich fragen?“ Gott sprach ohne großes Aufheben weiter: „Mein Sohn, es liegt nicht in meinen Händen und in meiner Macht mit dir zu sprechen. Du bist es, der mich anrufen kann. Ich werde nicht gehört von dem, der nicht mit mir spricht. Lass uns doch ins Jetzt schauen. Wir sprechen jetzt und du hörst mich. Was für ein Wunder!“

Der Alte: „Vater, verzeih, aber ich hadere. Wie soll ich jetzt nach diesem grausamen Leben so einfach mit dir reden, wenn ich auch noch der bin, der dieses Leben anscheinend gestaltet hat. Das geht nicht so einfach. Ich bin überwältigt von dieser Tatsache und von der Möglichkeit, dass ich mein Leben hätte gestalten können und es nicht getan habe. Ja, dass ich auf deinen Schultern saß und dir eine Last war.“

Gott sprach: „Sohn, du warst mir nie eine Last im tieferen Sinne. Doch ich habe jeden Tag mit dir gefühlt, wie es dir geht, jeden Tag dein Leid wahrgenommen und gefühlt. Jeden Tag habe ich dir genauso viel Liebe geschickt, damit du eines Tages zu dir findest und siehst. Damit auch ich in all das meine Liebe strömen lassen kann. Du hast es wunderbar gemacht. Sieh nur, es ist nur ein Leben in einer Reihe von unzähligen Formen des Lebens und Daseins. Nimm die Erkenntnis und nicht den Ärger, nimm die Liebe von mir und nicht das Leid von Dir. Wende dich dem zu, der du bist – ein göttliches Wesen.“

Der alte Mann war still geworden. In sich versunken saß er auf seinem abgesessenen Sofa und weinte. Er weinte erst leise und dann schluchzte er verzweifelt laut. Es war ihm als ziehe sein ganzes Leben an ihm vorüber und er könne sich in dem Meer von Tränen nicht mehr retten. Er riss die Arme nach oben und Gott streckte ihm liebevoll seine Arme entgegen und nahm ihn in seiner ganzen Liebe mit zu sich.

 

 

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