Besinnung auf uns selbst

Also auf was sollen wir uns besinnen? Gibt es da sogar eine Dringlichkeit in uns? Wozu, warum, wem hilft es?

Die Besinnung – auf was nur? Eine Kurzgeschichte

Eines Tages kam ein alter Mann in meine Wohnung und sagte, er sei Jesus Christus und von daher sei ich aufgefordert, ihm jetzt nur Gutes zu tun.
Seine Gestalt war klein und schmächtig, aber seine Ausstrahlung war irgendwie beängstigend. Was wenn ich ihm jetzt nicht zu Tische bitte, wenn ich ihm jetzt keine Suppe koche? Was wird er tun?
Ich kochte ihm eine Suppe und in Gedanken warf ich ihn aus der Küche. Und als er endlich die Suppe gegessen hatte, ging er schnurstracks in mein Bett und legte sich schlafen. Tief und fest schlafend lag er da und ich saß am Bett und fragte mich, ob ich mir das alles nur einbilde. Ich griff nach seinem Arm. Ich fühlte die Wärme und das Pochen seines Blutes. Nein, es war keine Einbildung. Es ist ein Mensch, den ich nicht kannte und der in meinem Bett lag. Morgens stand er auf und verließ meine Wohnung.
Tagelang fragte ich in der Nachbarschaft, wer diesen Mann gesehen hat. Aber niemand sah den alten Mann. Als ich aufhörte im Außen zu fragen und es immer stiller in mir wurde, kam der alte Mann wieder – jeden Tag in meiner Stille. Mit jedem Tag mehr, lehrte er mich bei mir zu bleiben – auch wenn einer kommt und vorgibt Jesus zu sein. Und doch blieb die Frage in mir: Das nächste Mal also keine Suppe für einen Menschen, der vor meiner Türe steht? Irgendwann verstand ich, dass das nicht die Frage war. Es geht gar nicht um die Suppe, es geht immer nur um mich und was ich als Mensch leben möchte, wenn einer meine Hilfe braucht. Manchmal werde ich wenig geben und manchmal werde ich viel geben. Ich werde also meine Wahrheit leben und im Augenblick entscheiden.

Genau deswegen – die eigene Wahrheit zu leben – ist die Besinnung auf sich selbst von entscheidender Bedeutung in meinem Leben.

Besinne dich auf dich selbst und nicht auf das, was andere von dir erwarten. (Coromayh)

 

Foto: Meike Schnelting